06.05.2015 - Aktuelles aus den Centren

X. Berliner Dialog in der Südafrikanischen Botschaft in Berlin

Foto: privat

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Am 6. Mai 2015 fand der X. Berliner Dialog, in der Südafrikanischen Botschaft mit großem Erfolg statt. Der Berliner Dialog stellt ein einzigartiges Diskussionsforum unter dem Motto „Kultur trifft Wissenschaft“ dar und versteht sich als eine Initiative, die verschiedene Völker und Gastländer in Berlin zusammenbringt und in verschiedenen Ländern bereits zu Gast war

Für die großartige Gastfreundschaft und exzellente Organisation bedankte sich der Initiator der Berliner Dialog-Veranstaltungsreihe, Prof. Dr. Jalid Sehouli von der Berliner Charité, bei der Südafrikanischen Botschaft

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„Medicine is a social science, and politics is nothing else but medicine on a large scale.“ Mit diesem Zitat von Rudolf Virchow eröffnete der Gesandte, Herr Brammer, als Vertreter des Südafrikanischen Botschafters, S. E. Rev. Herr Makhenkesi Arnold Stofile, den Abend. „Folglich ist auch für mich in dieser Hinsicht das ‘Berlin Dialogue Discussion Forum for Culture and Medicine‘ ein gesundes Mittel für das menschliche Wohlergehen“, so der Gesandte weiter in seiner Begrüßungsrede. 

Diesen Gedanken griff Prof. Dr. Peter-Michael Carsten, ehemaliger Gynäkologe in der Frauenklinik/Charité, auf und leitete mit seinem spannenden Beitrag zum Genadental in die Geschichte Südafrikas über: „1652 gründete Jan van Riebeeck eine Versorgungsstation, aus der sich später Kapstadt und die holländische Kapkolonie in Südafrika entwickelt hat. 1737 wurde die erste protestantische Missionsstation in Baviaanskloof durch den ‘Herrenhuter‘* Georg Schmidt errichtet. Es gab große Anlaufschwierigkeiten, weil er die Menschen neben der Missionierung lesen und schreiben gelehrt hatte. Georg Schmidt musste nach 6 Jahren das Land verlassen. Eine von ihm getaufte Ureinwohnerin KhoiKhoi Vehettge Tikkuie, genannt ‘Mother Lena‘, hielt die Gemeinde, das ‘Genadendal‘, am Leben.

{image_l]1791 kamen 3 Herrenhuter, Missionare, um das Missionswerk fortzusetzen. Ca.1100 Einwohner lebten dort, sie bauten eine Kirche, eine Schule, eine Wassermühle und Häuser für alle Gemeindemitglieder. Genadental erinnerte damals, wie auch Hinrich Lichtenstein später feststellte, an ein Dorf in Deutschland, es war außergewöhnlich für Afrika, insbesondere Südafrika. An dieser Entwicklung störten sich jedoch zunehmend die Farmer, weil nach Ihrer Meinung die dortigen Menschen in  Genadental keine weitere Bildung benötigten und sie übten Druck auf die Missionare aus. 1926 wurde das Lehrerbildungszentrum geschlossen. Der Ort verarmte, existierte aber weiterhin. Erst NELSON MANDELA weckte Genadendal wieder auf. Er erklärte das dortige Museum und das darin aufbewahrte Neue Testament von 1737 zum nationalen Schatz.

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Prof. Carsten wies abschließend darauf hin, dass die erste ausführliche Beschreibung des westlichen Kaps 1811 durch HINRICH LICHTENSTEIN erfolgte, der dort auch als Arzt tätig war. Lichtensteins Buch ‘Reisen im südlichen Afrika‘ wurde in Berlin verlegt. Auch deswegen erhielt er den Ruf auf den ersten Lehrstuhl für Zoologie an der Humboldt Universität/Berlin. Lichtenstein gilt als Gründer des Zoologischen Gartens in Berlin.

Prof. Dr. Wolfgang Henrich, Direktor der Kliniken für Geburtsmedizin an der Charité – Universitätsmedizin/Berlin, Campus Virchow-Klinikum, Campus Charité Mitte, übernahm mit seinem Beitrag „Kaisergeburten – gestern und heute“ den wissenschaftlichen Part des Abends. Einführend erklärte er, dass der Begriff Kaiserschnitt von jeher unglücklich gewählt sei: „Kaiser“ leitet sich lateinisch von caedere für schneiden ab. Die zweite mögliche sprachliche Herkunft soll auf Kaiser Julius Cäsar beruhen, der angeblich durch einen Kaiserschnitt geboren wurde. Dies kann aber nicht stimmen, da seine Mutter die Geburt überlebte, was damals bei dieser Operationsmethode nicht möglich gewesen wäre. Aber der Begriff hat sich nun etabliert. Weiter führte er aus:„Angeregt durch eine Publikation von der Arbeitsgruppe um den Australier Prof. Nicholas Fisk im British Journal of Obstetrics and Gynecology haben wir uns in der Charité Gedanken bezüglich des operativen Ablaufs und der Nomenklatur gemacht. Von ihm wird ebenfalls postuliert, dass die operative Geburt mehr zu einem Geburtserlebnis im Interesse der Frauen werden muss. Nick Fisk nannte das ‚Natural C-Section‘. Den Begriff verwenden wir allerdings nicht, weil eine Operation nicht natürlich sein kann. Aber er hat damit einen Denkanstoß gegeben, damit die 33% der Frauen, die eine medizinische Begründung für eine abdominale Geburt haben, ein besseres Geburtserlebnis bekommen.Es gibt eine Vielzahl von medizinischen Indikationen, sei es beispielsweise ein drohender Sauerstoffmangel des Ungeborenen, ein Missverhältnis zwischen mütterlichem Becken und der Kindsgröße, Fehllagen des Kindes, eine komplizierte Mehrlingsgeburt oder eine schwere mütterliche Schwangerschaftserkrankung oder ein relevantes Grundleiden. Der Operationsablauf ist so, dass es zunächst eine Begründung für einen Kaiserschnitt geben muss. Wir klären die Frauen über die Vor- und Nachteile eines Kaiserschnitts auf und bieten die ‚Kaisergeburt an‘, um die Bindung zwischen den Eltern und dem Kind zu verbessern. Wir wollen den Ablauf weniger als Operation sondern mehr als Geburt präsentieren. Wenn es den Eltern während der Geburt gut geht, wird das die Sicht auf das Kind versperrende Operationstuch heruntergelassen und das Kind langsam aus dem Bauch der Mutter herausgehoben. Der Brustkorb des Kindes wird vergleichbar zur vaginalen Geburt durch die kleine Bauchöffnung komprimiert, so dass das Fruchtwasser aus den Atemwegen tritt und es weniger Anpassungsstörungen gibt. Der Vater darf die Nabelschnur durchtrennen. Dies ist in der Regel ein sehr besonderer Moment. Die Eltern sehen das Kind sofort. Es wird ihnen nicht unmittelbar für eine unnötige ärztliche Untersuchung weggenommen. Viele Mütter empfinden durch das Wegnehmen des Kindes während dieser Zeit eine Lücke, die eine Unsicherheit mit sich bringt. Das Neugeborene wird sofort der Mutter auf die Haut des Oberkörpers gelegt. Das Kind nimmt unmittelbar den Geruch der Mutter über den Hautkontakt auf. Dies beruhigt die Kinder, sie haben weniger Stress und nehmen Kontakt mit der Brust zum ersten Saugen an der Mamille auf. Dies erleichtert das weitere Stillen. Bei späten Frühgeborenen zwischen 34 und 37 Schwangerschaftswochen konnten weniger Anpassungsstörungen durch den frühen Haut-zu-Haut-Kontakt festgestellt werden. Bei der Kaisergeburt wird auch die Hebamme wieder mehr in die Betreuung der Geburt einbezogen, weil das Neugeborene und die Mutter nach der Geburt durch die Hebamme mit überwacht und betreut werden. Beim herkömmlichen Kaiserschnitt war die Hebamme weniger dicht an der Mutter und dem Kind. Aus den Interviews Tage nach der Operation kam heraus, dass das Geburtserlebnis sehr positiv wahrgenommen wurde. Gerade bei denen, die es auf natürlichem vaginalem Weg versucht haben und es durch einen Geburtsstillstand zum Kaiserschnitt kommen musste, war das Geburtserlebnis der Kaisergeburt ein Trost für die erfolglosen Bemühungen zur natürlichen Spontangeburt. Wir versichern den Frauen, dass sie nichts sehen, was sie nicht sehen wollen, insbesondere keine bedrohlichen Blutmengen und keinen Blick in den offenen Bauch. Aus der Perspektive der Eltern ist dies auch gar nicht möglich. Das Operationstuch wird zum Sichtschutz nach der Übergabe des Kindes an die Mutter wieder angebracht und die Operation fortgesetzt. Letztendlich sehen Eltern auf diese Weise viel weniger Blut als bei einer vaginalen Geburt.Die Rate der operativen Geburten hat sich seit der Einführung nicht geändert. Operationen ohne medizinische Indikationen bleiben auch in unserer Klinik die Ausnahme.Die 2 – 3% Kaiserschnitte ohne offensichtliche medizinische Indikation sollten nicht‚ Wunschkaiserschnitte‘ sondern ‚Präventivkaiserschnitte‘ genannt werden. Jede einzelne Frau hat sich Gedanken gemacht, warum sie einen Kaiserschnitt möchte. Gründe, wie ‚meine Mutter ist seit der Entbindung inkontinent‘ oder ‚meine Freundin hatte einen Dammriss dritten Grades, mein erstes Kind wog fast 4,5 Kilo, und ich trug daher schwere Beckenbodenverletzungen davon und mein Sexualleben hat sich seitdem verändert‘ sind typische Argumente der Schwangeren, die sich eine vaginale Geburt nicht (mehr) vorstellen wollen. Diese Ängste müssen ernst genommen werden. Die niedrigere Hemmschwelle zur Durchführung einer abdominalen Schnittentbindung kommt auch daher, dass früher Kaiserschnitte mehr Risiken hatten. Das lag an anderen Operationstechniken, schlechterem Nahtmaterial und der noch häufig durchgeführten Vollnarkose. Auch das Einführen der Antibiotikaprophylaxe hat Infektionen eingedämmt. Die Operation wurde insgesamt vereinfacht. Aber im Zusammenhang der gestiegenen Kaiserschnittrate, die sich momentan bei 33% in Deutschland bzw. europaweit eingependelt hat, stellt sich die Frage, in wie weit man bei dem Verlust des Geburtserlebnisses an der Art und Weise, wie man die Operation durchführt, etwas verbessern kann. Es werden 250.000 Frauen pro Jahr operativ per Sectio entbunden. Es geht nicht darum, die Kaiserschnittrate noch weiter zu steigern, was Gegner der Methode befürchten. Bzgl. der Modifikation des traditionellen Operationsablaufes muss man in der Humanmedizin feststellen, dass eine neue Idee zunächst auf Bedenkenträger trifft. Anstatt sich mögliche Vorteile anzuschauen, die Beweggründe zu erforschen, wird voreilig negative Kritik geäußert.Als die Operation komplizierter war, hat man sich auf die traditionellen Operationsriten konzentriert, um die Sterilität des Eingriffs zu verbessern. Es ist natürlich auch eine‚ Herrschaftsdemonstration‘, wenn eine Operation im Sichtschutz erfolgt. Der sinnvolle Mundschutz, die Schutzkleidung, das Operationslicht, das Abschotten mit großen Operationstüchern strahlt Professionalität aus. Wenn eine freudige Atmosphäre geschaffen, das Licht etwas weggenommen wird, Gespräche geführt werden und die Eltern an der Geburt teilnehmen können, verliert der Eingriff den Charakter einer evtl. schwierigen Operation.“

Abschließend fasste Herr Prof. Dr. W. Henrich zusammen: „Die an der Charité durchgeführte prospektiv randomisierte Studie mit über 200 Schwangeren erbrachte im Vergleich zum herkömmlichen Operationsablauf eindeutige Vorteile der Kaisergeburtsmethode hinsichtlich des Geburtserlebnisses und der Zufriedenheit der Eltern, und darauf kommt es letztendlich an.“

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Nach diesem sehr eindrucksvollem Vortrag aus der Charité präsentierte Prof. Gerda Fouche von der CSIR Biosciendes/ Pretoria Südafrika einen Blick auf das heutige Leben Südafrikas und deren Prägung durch die Traditional Healers. In der Vergangenheit war die Anwendung von bestimmten Pflanzen in der Tradition der Traditional Healers von großer Bedeutung. Diese wird auch heute fortgeführt, teils durch eine verbesserte Herstellung, teils mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden zur besseren Vermarktung. Sie wirken in den Lebenszyklus Südafrikas und sorgen für eine starke Nachhaltigkeit im biologischen Rhythmus des Landes. 

Prof. Dr. Jalid Sehoulis anschließender Beitrag zur „Lebensqualität“ widmete sich seinen Patientinnen in verschiedenen Phasen des körperlichen und seelischen Wohlfühlens. 

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Nach seinen Ausführungen wird die Lebensqualität grundsätzlich als Frage formuliert ‚Wie geht es Ihnen‘ Prof. Sehouli weiter: „Die Lebensqualität hat eine lange Geschichte in der Medizin, wobei unterschiedliche Definitionen kulturübergreifend bestehen, die aber alle betonen, dass Lebensqualität vielschichtig und multidimensional erhoben werden muss. Die Grundlage der Lebensqualitätsbeurteilung ist die Berücksichtigung verschiedener Perspektiven, wie körperliches Wohlbefinden, seelisches Wohlbefinden, soziales Wohlbefinden und psychisches Wohlbefinden. Das bedeutet, dass auch die Präsenz von Krankheiten keine Gesundheit, und gute Lebensqualität per se ausschließt. Verschiedene Untersuchungen beschreiben, dass Lebensqualität messbar ist, wobei hier unterschieden werden muss, die Messung individueller, also persönlicher Lebensqualität oder die Effekte von Patientengruppen auf die Lebensqualität unter bestimmten medizinischen Maßnahmen (z. B. Chemotherapie).

Unabhängig davon wissen wir auch, dass bestimmte Faktoren nicht bisher wissenschaftlich identifiziert sind und eine große Variabilität in der Beantwortung der Lebensqualitätsfragen von Patienten zu beobachten sind, da verschiedene andere Umstände die Beantwortung beeinflussen können. So haben Patienten mit Symptomen andere Prioritäten als Patienten beispielsweise ohne Schmerzen und Luftnot aufgrund einer Erkrankung. Lebensqualität ist letztendlich die Summe zweier Fragen ‚Wie soll es sein‘ und ‚Wie ist es‘. Sie bedeutet, dass die Erwartungshaltung und die Wahrnehmung der Ist-Situation erheblichen Einfluss auf die Entscheidung der Lebensqualität haben.“ Ausserdem scheint die Erfahrung im Umgang von Beschwerden und Krankheit Einfluss auf die Lebensqualität zu haben, so die Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. J. Sehouli.

Die Charité fokussiert seit vielen Jahren die Verbessrung der Tumorkontrolle durch operative und mdeikamentöse Strategien, aber auch auf verschiedene Aspekte der Lebensqualität. Gerade in einer Situation, wo keine Heilung mehr möglich ist, spielen laut Prof. Sehouli Aspekte der Lebensqualität die entscheidende Rolle. Der Vortrag stellt die verschiedenen Facetten der Lebensqualität sehr kritisch dar.

„Es ist zu unterstreichen, dass immer noch zu wenig wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet durchgeführt werden. Bei der Chemotherapie wissen wir, dass der Haarausfall und die Übelkeit eine sehr große Bedeutung für die Patientinnen haben und dies bei der Therapieentscheidung, gerade bei der Krebsbehandlung besondere Berücksichtigung finden sollte. Die Klinik für Gynäkologie hat seit vielen Jahren verschiedenste Studien und wissenschaftliche Untersuchungen konzipiert und publiziert, die sich mit dieser Thematik beschäftigt haben. So haben wir beispielsweise auch eine sogenannte Berliner Symptom-Check-Liste entwickelt, welche die Symptome in ihrer Priorität aus Sicht der Patientinnen beschreibt, da verschiedene Untersuchungen aufzeigen, dass sehr große Unterschiede der Beurteilung der Lebensqualität bei betroffenen Patientinnen aus Sicht des Arztes, der Krankenschwester und der Patientin selbst existieren und es sich letztendlich doch nur um die Lebensqualität der Patientin drehen sollte.“ Eine aktuelle Studie, die unter der Schirmherrschaft der Senatorin für Arbeit und Integration, Frau Kolat, in Berlin durchgeführt wird, untersucht die Erwartungen von Frauen mit Brust- oder Eierstockkrebs bei Frauen mit und ohne Migrationshintergrund (EXPRESSION IV).

Andere aktuelle Studien der Arbeitsgruppe fokussieren auf die Traumdeutung, Sexualität, Bauchwasser und die Lebensqualität unter klassischen und neuartigen Krebsbehandlungen. Eine aktuelle Übersicht der wissenschaftlichen Projekte finden Interessierte hier

Zum Abschluss des Abends und auf Einladung des Südafrikanischen Gesandten, Herrn Brammer, wurden wunderbare südafrikanische Köstlichkeiten gereicht und die Diskussionen fortgesetzt.

Der X. Berliner Dialog war ein grossartiger Erfolg und brachte wieder interessante Menschen zu wichtigen gesellschaftsrelevante Themen zusammen.

Der nächste Berliner Dialog ist im Rahmen des 2. Deutsch-Arabischen Krebskongresses/ Berlin am 29. 10.2015 geplant. Eine gesonderte Einladung erhalten Sie in den nächsten Wochen. 

Kontakt:

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Direktor der Klinik Standorte CVK (Wedding) und CBF (Steglitz)

CharitéUniversitätsmedizin Berlin

CharitéCentrum Frauen-, Kinder- & Jugendmedizin mit Perinatalzentrum & Humangenetik CC 17

t: +49 30 450 564 002

f: +49 30 450 564 900

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